'■^^

WW

M. M

I ¥ ""^^

*^*-:*^W

$ « I- ^■

^f"m t «^ » if-

IS |i' ^i s

"^i»^*

Aß^§

t. 1

I' i f f I- t i I '^ '1^ 'I -^

îè I i * I

r «' f^

ÎC. ap ^t

»t #• #

■ê'" ■» a"

W M

:■«? ■«?. ;* J* %' t i .^^ >■•». t^ ;! f ^ t ^

WISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSl

DER

SCHWEDISCHEN

SÜDPOLAR-EXPEDITION

r

I9OI 1903

UNTER MITWIRKUNG ZAHLREICHER FACHGENOSSEN

HERAUSGEGEBEN DURCH

OTTO NORDENSKJÖLD

LEITER DER EXPEDITION

BAND V

ZOOLOGIE, r

^. 0.^

STOCKHOLM

LITHOGRAPHISCHES INSTITUT DES GENERALSTABS I90S

A. AsHER & Co Haar & Steinert. A. Eichler. Succ:r Dulau & Co

PiKui.iN W Paris London \V

STOCKHOLM

KUNGI.. liOIv'I KVtKF-KJET. f . A. NOUSl lîDT & SÖNEK

I90S »-^ fj

Lief. I.

Lief.

INHALT

DES FÜNFTEN BANDES.

Seiten. Andersson, K. A. Brutpflege bei Antedon hirsuta Carpenter.

Mit 2 Tafeln i— 8.

Lief.

3

Lief.

4

Lief.

5

Lief

6

Lief

7

Lief.

8

Lief.

9

Lief

lO

Lief.

1 1

Andersson, K. A. Das höhere Tierleben. Mit lo Tafeln und 2 Karten

Michaelsen, W. Die Oligochœten, Mit i Tafel

Ekman, S. Cladoceren und Copepoden aus antarktischen und subantarktischen Binnengewässern. Mit 3 Tafeln

Lönnberg, E. Die Vögel

Lönnberg, E. The Fishes. With 5 Plates

Lagerberg, T. Anomoura und Brachyura. Mit i Tafel ....

Jäderholm, E. Die Hydroiden. Mit 14 Tafeln

Wahlgren, E. Die Collembolen. Mit 2 Tafeln

Andersson, K. A. Die Pterobranchier. Mit 8 Tafeln

Trägärdh, I. The Acari. With 3 Plates and 56 Text-Figures .

-58. 12.

—40.

10. —72. —40. —42.

22. 122.

34-

\\. 0

60063

STOCKHOLM

KUNCL. ItOKTUVCKF.UIET. |-, A. NORSIICDT & SÖNEK

igoS

^'4

u^

P w

Lief.

I.

Lief.

2

Lief.

3-

Lief.

4-

Lief.

5-

Lief.

6.

Lief.

7-

Lief.

S.

Lief.

9-

Lief

lO.

Lief

II.

INHALT

DES FÜNFTEN BANDES.

Seiten. Andersson, K. A. Brutpflege bei Antedon hirsuta Carpenter.

Mit 2 Tafeln i— 8.

Andersson, K. A. Das höhere Tierleben. Mit lo Tafeln und 2

Karten I $S.

Michaelsen, W. Die Oligochœten, Mit i Tafel i 12.

Ekman, S. Cladoceren und Copepoden aus antarktischen und

subantarktischen Binnengewässern. Mit 3 Tafeln i 40.

Lönnberg, E. Die Vögel i 10.

Lönnberg, E. The Fishes. With 5 Plates I 72.

Lagerberg, T. Anomoura und Brachyura. Mit i Tafel .... i 40.

Jäderholm, E. Die Hydroiden. Mit 14 Tafeln i 42.

Wahlgren, E. Die Collembolen. Mit 2 Tafeln 1—22.

Andersson, K. A. Die Pterobranchier. Mit 8 Tafeln i 122.

Tragârdh, I. The Acari. With 3 Plates and 56 Text-Figures . i 34.

V.

«1 1 1 1

1

1 1 1

•.V

. 1

1 1 1

.

-' 1 M ^t

" » ■>

♦!♦«*•

1 1

N-^Alt-

60063

WISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE

DER SCHWEDISCHEN SÜDPOLAR-EXPEDITION

1901— 1903

UNTER LEITUNG VON Dr. OTTO NORDENSKJÖLD

BAND V. LIEFERUNG I

BRUTPFLEGE BEI ANTEDON HIRSUTA Carpenter

VON

K. A. ANDERSSON

MIT 2 TAFELN

STOCKHOLM

LITHOGRAPHISCHES INSTITUT DES GENERALSTABS 1905

A. AsHER & Co Haar & Steinert, A. Eichler, Succ:r - Dulau & Co

Berlin \V Paris London \V

Brutpflege bei Antedon hirsuta Carpenter.

Von

K. A. ANDERSSON

in Uppsala. Zoolog der Expedition.

Hierzu Tafeln I 2.

Unter den Echinodermen kennt man zahlreiche brutpflegende Formen in dem Sinne, dass das freie Larvenstadium unterdrückt wird, und die Brut von dem Muttertier in gewisser Weise abhängig ist, bis sie dem Aussehen nach mit diesem eine gewisse Ähn- Hchkeit erreicht hat. Ludwig,' der neuerdings eine Zusammenstellung aller bekannten Fälle gemacht hat, erwähnt nicht weniger als 47 brutpflegende Arten von Echinoideen, Asteroideen, Ophinroideen und Holothurien.

Bei den Crinoiden ist kein Fall von Brutpflege in diesem Sinne bekannt. Hier heften sich bekanntlich die Eier nach dem Austreten aus den Pinnulen an diese und werden sogleich befruchtet. Die Brut entwickelt sich innerhalb der Eischale, bis sie das fertige Larvenstadium erreicht hat, wonach sie die Eischale sprengt und aus- schwärmt. Nach einer kurzen Zeit, wenige Stunden bis einige Tage, befestigt sich die umherschwärmende Larve an einen geeigneten Gegenstand, um sich weiter zu ent- wickeln.''

Soweit ich sehen kann, gibt es nur eine einzige Literaturangabe, die daraufhin deuten kann, dass auch bei den Crinoiden die Jungen von dem Muttertier abhängig wären, noch nachdem sie die Eischalen verlassen haben. Lo BlANCO^ sagt von Antedon phalagimn MARION: »Pinnulen mit reifen Eiern; junge Exemplare an den Cirren der Erwachsenen.» Er muss dies als einen Zufall betrachtet haben, denn er sagt nichts Näheres darüber.

' H. Ludwig: Brutpflege bei Echinodermen. Zool. Jahrb. Supplement VII, 1904. und Zool. .\nz. Bd. XXVII, No. "Ui 1904.

' O. Seeliger: Studien zur Entwicklungsgeschichte der Crinoiden. Zool. Jahrb. Abt. f. Anat. u. Ontog. d. Tiere. Bd. VI. Jena 1893.

3 Lo Bianco: Notizie biologiche riguardanti specialmente il periodo di maturità ses suale degli animali del golfo di Napoli. Mitt. aus der Zool. Stat. zu Neapel, Bd. 13, p. 448. Berlin 1899.

Schwedische Südpolar- Expedition içoi igoj. Bd. V Nr. i. I

2 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Sudpolar-Exp.

Während der schwedischen Polarexpedition im Jahre 1900 fand Herr Dr. Hj. ÖSTERGREN unter zahlreichen Exemplaren von Antedon Eschriclitii J. Müll, ein gestieltes Junges, auf dem Cirrus eines erwachsenen Exemplares sitzend. Es scheint aber auch dies ein Zufall gewesen zu sein, denn ich habe, dank dem Entgegenkommen von Herrn Prof. Hj. Théel, das bedeutende Material von A. Eschriclitii im Königl. Museum zu Stockholm durchmustert, ohne Jungen auf den Cirren der Erwachsenen senen zu finden, obgleich mehrere von diesen geschlechtsreif waren.

Als während der schwedischen antarktischen Expedition auf der Burdwood-Bank südlich von den Falkland-Inseln, 53° 45' S. Lat. 6\ 10' VV. Long., mehrere Dredsch- züge in 135 150 m Tiefe, Kiesboden, ausgeführt wurden, erbeuteten wir unter den reichlichen Tierformen auch einige Exemplare von einer Crinoiden-Art, welche meine Aufmerksamkeit sogleich erregten, weil sie oft zahlreiche j'unge gestielte Individuen auf ihren Cirren trugen.

Soweit ich aus der ziemlich kurzen Beschreibung von CARPENTER* ersehen kann, muss ich diese Art für Antedon Iiirsnta halten, die während der Challenger-Expedition nahe an der Marion-Insel, 256 m, vulkanischer Sand, nur in einem Exemplare er- halten worden ist.

Von 1 1 geschlechtsreifen weiblichen Individuen waren 7 mit gestielten Jungen auf den Cirren versehen. Einige von den letzteren waren nämlich aufgerichtet, und an diesen waren die Jungen angeheftet (Fig. l). Diese Cirren sind auch kräftiger ent- wickelt als die übrigen. Die Glieder derselben sind gewöhnlich 34 oder 35, selten nur 3I, während diejenigen der abwärts gekehrten zwischen 27 und 29 schwanken.

Die Jungen sitzen immer nahe der Spitze, und alle sind auf einen Raum von 2 bis

3 mm Länge beschränkt. Das grösste beobachtete Junge ist 15 mm lang, wovon 4 mm auf den Kelch mit den Armen fallen. Ausserdem kommen verschiedene Stadien bis zu soeben angehefteten Larven vor. Bisweilen können sehr kleine Junge auch auf dem Stiel der etwas älteren sitzen.

Ein Exemplar von der betreffenden Art hat nicht weniger als 99 Junge, wobei ein jeder von acht Cirren resp. 30, 24, 17, 12, g, 4, 2 und i trägt. Ein anderes In- dividuum war mit 40 Jungen versehen, auf 6 Cirren verteilt.

An Querschnitten durch die Pinnulen ergeben sich zwei mit der Brutpflege in Beziehung stehende Eigentümlichkeiten der inneren Organisation derselben. Neben dem Ovarium befindet sich nämlich ein grosser Raum, worin die befruchteten Eier sich entwickeln; und ein bestimmter Teil des Ovariums ist zu einem besonderen Raum für die Aufnahme der Spermatozoen ausgebildet (Fig. 2).

Der Brutraum liegt immer an der den Spitzen der Arme zugekehrten Seite des Ovariums, und ist von diesem durch eine dünne Scheidewand getrennt. Er ist im

* P. H. Carpenter: Report upon the Crinoidea. Challenger Report. Zool. vol. XXVI. p. 18S, Taf. 31 Fig. 5.

Bd. V: l) BRUTPFLEGE BEI ANTEDON HIRSUTA. 3

ausgebildeten Zustande sehr gross und beherbergt mehrere Larven in verschiedenen Entwicklungsstadien. Die Eier entstehen nur in den Teilen der Pinnulen, die von dem dritten, vierten und fünften Kalkglied gestützt werden, und in demselben Teile befindet sich natürlich auch der Brutraum. Um dessen Wandung zu stützen, wachsen die bezüglichen Kalkglieder, das fünfte jedoch gewöhnlich sehr unbedeutend, in die Wandung hinein und verleihen dadurch den Pinnulen ein ganz unsymmetrisches Aus- sehen (Fig. 3 u. 4). Demzufolge kann man das Weibchen im geschlechtsreifen Zustande sogleich vom Männchen unterscheiden. Die Pinnulen bei dem letzteren sind nämlich immer symmetrisch, und die fraglichen Kalkglieder sind nicht besonders vergrössert. Der Brutraum besitzt an der Oberseite nahe der Nahrungsfurche eine spaltenförmige Öffnung, durch welche die fertigen Larven austreten (Fig. 2 u. 10).

Bei Exemplaren, die nicht im Fortpflanzungsstadium sind, entbehren die Pinnulen des Brutraums und damit auch des unsymmetrischen Aussehens. Wenn die Eizellen zu wachsen beginnen, treten an der bezüglichen Seite der Pinnula einige kleinere Einstülpungen auf (Fig. 5). Von diesen wird doch eine bald grösser als die übrigen und bildet den Anfang zum Brutraum (Fig. 7). Je nachdem die Eier grösser werden, nimmt diese Einstülpung zu, bis der Brutraum fertig ist.

Auf einem Querschnitte durch eine reife weibliche Pinnula gewährt die Keim- drüse ein Bild, das man bei andern Crinoiden zu sehen nicht gewöhnt ist. Nach Durchmusterung von Schnittserien durch reife und unreife Pinnulen ergibt sich folgender Bau der Ovarialdrüse.

Das Ovarium bildet beinahe einen soliden Körper. Durch die ganze Länge des- selben streckt sich nur ein kleiner Hohlraum, der hier und da bis zu einer kleinen Spalte verengt ist. Dieser Raum entspricht der Genitahöhre anderer Crinoiden. Er ist jedoch nicht, wie gewöhnlich bei anderen geschlechtsreifen Formen, mit Eiern angefüllt. Ich habe niemals Eier darin beobachten können. Dagegen enthält er oft grössere oder kleinere Mengen von Spermatozoen (Fig. 6). Er dient nämlich zur Aufnahme und zur Aufbewahrung derselben, und deshalb will ich ihn Samenraum nennen. Er ist mit longitudinalen Ausbuchtungen versehen, die sich zwischen die Eier hineinerstrecken, so dass er auf einem Querschnitte eine unregelmässige oder sternförmige Figur in der Mitte des Ovariums bildet.

Nur an einer beschränkten Stelle geht der Samenraum bis zu dem Umkreis des Ovariums hinaus, so dass er nach aussen nur von einer Zellenschicht begrenzt wird. Diese Stelle liegt immer an der dem Brutraum zugekehrten Seite des Ovariums, und hier schmiegt er sich mit der erwähnten Zellenschicht der Wand des Genitalsinus fest an (Fig. 6). Die Wand zwischen dem letzteren und dem Brutraum ist hier auch am dünnsten.

Der Samenraum wird von einer Zellenschicht ausgekleidet, die das Keimepithel bildet. In jungen Ovarien oder in wenig entwickelten Teilen derselben, z. B. in

4 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Slidpolar-Exp.

proximalen Teilen, sieht man oft, dass einige Zellen der Keimepithellage grösser als die übrigen und mit grossen Kernen versehen sind (Fig. 8). Dies sind kleine Eizellen. Weil also die Eizellen von dieser Zellenschicht herstammen, bin ich, wie oben erwähnt, der Meinung, dass der Samenraum der Genitalröhre sonstiger Crinoiden entspricht. In jungen Ovarien kann man oft auch leicht beobachten, dass viele Zellen des Keimepithels in Teilung begriffen sind (Fig. 9). Zwischen diesen Zellen findet man kleinere Zellen, die bisweilen mit langen Fortsätzen versehen sind. Diese werden nicht zu Eizelleij, und in völlig entwickelten Ovarien sind sie ganz überwiegend, und Eizellen sind hier nur sehr spärlich im Keimepithel zu sehen (Fig. 6).

Ausserhalb der eben beschriebenen Zellenschicht folgt eine dicke Lage von Binde- gewebe, in dem die grossen Eier eingebettet liegen (Fig. 2 u. 6). Man kann also hier von einem Genitalschlauch im Sinne von HAMANN nicht reden. Gegen den Genitalsinus ist der Gonadenkörper durch eine dünne Lage platter Epithelzellen ab- gegrenzt.

Wie gesagt, entstehen die Eizellen in der den Samenraum oder die Genitalröhre auskleidenden Zellenschicht. Wenn die Eizellen grösser werden, wandern sie nicht in den Hohlraum der Genitalröhre, wie es gewöhnlich der Fall ist, sondern rücken allmählich tiefer in die Wandung derselben hinein. Aus der Figur 9 geht hervor, wie ein junges Ei im Begriff ist, den Verband mit der bezüglichen Zellenlage zu ver- lieren und tiefer in das Bindegewebe hineinzurücken. Ganz vollständig geben doch die Eier die Verbindung mit ihrer ursprünglichen Zellenschicht nicht auf. Durch- mustert man eine Schnittserie durch ein ganzes Ovarium, wird man sogleich wahr- nehmen, dass alle Eier, die kleinen sowohl als die grossen, mit dem Samenraum durch eine kleine Öffnung in Verbindung stehen (Fig. 6). Durch diese Öffnung können die Spermatozoen unbehindert die Eier erreichen.

Die Eier von A. Iiirsuta haben die für Antedon-Eier gewöhnliche Grösse und nehmen bei reifem Ovarium den grössten Teil desselben ein. Sie haben einen Durch- messer von 0,3 mm. Ein ganz zuverlässiges Mass ist aber kaum möglich zu er- halten, denn die Eier bewahren fast niemals ihre ursprüngliche runde Gestalt, sondern nehmen, infolge des umgebenden Druckes, ein ovales oder unregelmässiges Aussehen an. Die Eier sind von einer dünnen Membran umhüllt. Am Rande lösen sie sich oft in eine feine Netzbildung auf, ein Verhältnis, das demjenigen von ThÉEL bei Mesothuria intestinalis beschriebenen ähnlich ist.* Bei ^. /«wä/« kommt jedoch diese Bildung nur einem Teil des Eiumrisses zu (Fig. 2 u. 6), kann aber einen beträcht- lichen Teil des Eies betreffen.

Die Eier sind von einem Follikelepithel umhüllt, das jedoch an der Stelle, wo sie mit dem Samenraum in Verbindung stehen, eine kleine Öffnung zurücklässt. Ob die

* HjALMAR ThÉel: On a singular case of hermaphrodilismus in Holoüiurids. Bihang till K. Svenska Vet.-Akad. Handlingar. Bd. 27. Afd. IV. No. 6. Stockholm 1901. p. 24.

Bd. V: l) BRUTPFLEGE BEI ANTEDON HIRSUTA. 5

Follikelzellen von der Keimepithellage herstammen, bin ich nicht im Stande, mit Sicher- heit zu entscheiden. Es scheint mir aber, soweit ich aus der Untersuchung zahl- reicher Schnitte mit kleinen heranwachsenden Eiern schliessen kann, wahrscheinlich zu sein, dass der Follikel aus den dem Ei nächstgelegenen Bindegewebszellen hervorge- gangen ist, welche sich dem Ei anlagern.

Während bei den übrigen daraufhin untersuchten Antedonarten eine grosse Zahl von Eiern gleichzeitig reifen und auf einmal ausgestossen werden, findet man im Ovarium von A. hirsiita nur wenige völlig ausgebildete Eier, und man sieht im übrigen Eier in allen Entwicklungsstadien. Je nachdem ein Ei reif geworden ist, wird es befruchtet und in den Brutraum entleert. Auf diese Weise enthält der Brutraum Embryonen in verschiedenen Stadien der Entwicklung, während bei den übrigen Crinoiden alle Embryonen eines Tieres fast auf dem gleichen Stadium stehen (Seeliger: op. cit. p. 164).

Diese Verschiedenheit im Gange der Entwicklung beruht offenbar auf dem Vor- handensein der Brutpflege und den hiermit in Beziehung stehenden Eigentümlich- keiten der Organisation. Durch den Brutraum wird der in gewöhnlichen Fällen vom Ovarium beanspruchte Platz bedeutend beeinträchtigt, so dass es keinen Raum mehr gibt, eine grössere Zahl von reifen Eiern zu beherbergen. Der Brut- raum seinerseits ist nicht gross genug, um zahlreiche Embryonen zu gleicher Zeit zu behalten. Ich habe niemals mehr als 5 Embryonen im Brutraum gefunden, am häufigsten nur 3. In Zusammenhang mit dem nach und nach sich vollziehenden Reifwerden der Eier ist der Samenraum entstanden, so dass, je nachdem diese Elier reif werden, sie im Ovarium befruchtet werden können, ohne dass es nötig ist, dass eine Übertragung von Spermatozoen jedesmal vorhergeht.

JiCKELI* hat gemeint, dass dem Austreten der Geschlechtszellen bei Coinatula ein der Begattung ähnlicher Akt vorhergehe. Dies ist aber von Seeliger (op. cit. p. 163) ganz in Abrede gestellt worden. Bei A. Iiirsuta muss jedoch irgendwie eine Begattung stattfinden, um mit grösserer Sicherheit die Spermatozoen zum Weibchen überzuführen. Um die Eier befruchten zu können, müssen die Spermatozoen das Ovarium erreichen, wo sie im Samenraum aufbewahrt werden, und wo die Befruch- tung sich vollzieht. Zu diesem Zwecke haben sie durch die Öffnung zum Brutraum hineinzutreten, den ganzen Brutraum und die Wandung zwischen diesem und dem Samenraum zu passieren. In dieser Wandung habe ich aber keine Öffnung mit Sicherheit finden können, obgleich ich zahlreiche Schnittserien durchmustert habe. Nur einmal habe ich eine solche angedeutet gesehen. Die fragliche Wandung ist aber in ihrem dorsalen Teile sehr dünn und besteht aus lockerem Bindegewebe. Es scheint mir ganz zweifellos, dass die Spermatozoen im Stande sind, diese Wandung

* JiCKELl: über einen der Begattung ähnlichen Vorgang bei Cornatula Mediterranea. Zool. .Vnz. 1S84, p. 44S.

6 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Siidpolar-Exp.

ohne eine besondere Öffnung zu passieren. Diese Ansicht gründe ich darauf, dass ich mehrmals Spermatozoen niclit nur in dem dorsalen Teile des Brutraumes sondern auch in kleinen Hohlräumen der fraglichen Wandung und zwischen den Bindegewebs- zellen derselben gesehen habe, offenbar im Begriffe, in den Samenraum einzudringen.

Wenn man dies sieht, kann man verstehen, warum der Samenraum, wie oben erwähnt, an dieser Stelle bis zum Umkreis des Ovariums sich hinerstreckt, so dass er nur von einer dünnen Zellenlage begrenzt wird, und warum diese hier der Wandung zwischen dem Genitalsinus und Brutraum fest angewachsen und mit ihr so gut wie verschmolzen ist (Fig. 2 u. 6). Es ist dies offenbar geschehen, um den Spermato- zoen den Weg zum Samenraum zu erleichtern. Es wäre ihnen sogar ganz unmög- lich, ihn zu erreichen, wenn er wie in den übrigen Teilen des Ovariums auch hier die Mitte desselben einnähme, und wenn dieses wie bei sonstigen Crinoiden in seiner ganzen Länge im Genitalsinus frei aufgehängt wäre.

Nach der Befruchtung gelangen die Eier durch Platzen der Wandung in den Brutraum. Hier durchlaufen sie ihre embryonale Entwicklung, und man kann Em- bryonen in allen Stadien antreffen. Was den embryonalen Entwicklungsgang betrifft, so scheint er im wesentlicheji mit der ausgezeichneten Darstellung von Seeliger übereinzustimmen. Bei der Bearbeitung des ganzen Crinoidenmaterials unserer Expe- dition hoffe ich auf die Entwicklungsgeschichte von A. IiirsJita näher eingehen zu können. Hier will ich nur eine in die Augen springende Eigentümlichkeit hervor- heben. Bei A. hirsuta-Larven tritt das Einwandern von Entodermzellen in das Darmlumen viel früher ein, als es bei den übrigen daraufhin untersuchten Antedonarten der Fall ist. Schon wenn die Vestibulareinstülpung sich anlegt, fängt es an, und lange bevor die embryonale Entwicklung beendigt ist, ist der Darm mit verschmol- zenen Zellen vollgepfropft, die Darmwand ohne deutliche Zellgrenzen und nach innen zu in kontinuierlichem Übergang in die dotterartige Innenmasse (Fig. 2).

Die Vestibulareinstülpung zeigt dem gewöhnlichen Verhältnis gegenüber darin eine Verschiedenheit, dass sie am Vorderende am tiefsten ist, und dass sich das Ver- schliessen derselben von da aus vollzieht.

Schliesslich will ich noch eine interessante Tatsache erwähnen. Die Figur 10 zeigt eine Larve, die mit der zwischen dem Brutraume und Genitalsinus gelegenen Wandung des Muttertieres verwachsen ist. Sie ist insofern abweichend gebaut, als sie eine Doppelbildung aufweist. Diese braucht jedoch zu der Verwachsung nicht in Beziehung zu stehen, denn ich habe in einer anderen Schnittserie ein ganz normales Junges mit derselben Wandung in gleicher Weise verwachsen beobachtet. Ich will dieser Tatsache kein grosses Gewicht beilegen, denn es können Zufälle sein, es ist aber bemerkenswert, dass bei den beiden Embryonen die Verwachsung am Hinterende und mit demselben Teil der Brutraumeswandung, nämlich der Scheide-

Bd. V: I) BRUTPFLEGE BEI ANTEDON HIRSUTA. 7

wand gegen den Genitalsinus, sich vollzielit. Wir liaben darin mögliclierweise eine Entwicklung zur besseren Ernährung der Embryonen zu erblicken.

Wenn die Larven fertig sind, treten sie durch die oben beschriebene Öffnung des Brutraumes nach aussen. Sie haben dasselbe Aussehen wie gewöhnliche Antedon- Larven. Nach dem Austreten heften sie sich ofïenbar sofort an die Girren, ohne ein Schwärmstadium durchlaufen zu haben. Da sowohl die Arme als die Girren sich be- wegen können, kann man sich leicht vorstellen, dass sie bei ihrer Bewegung gegen einander streichen, und dass dabei austretende Larven auf die Girren trans- portiert werden können.

Das grösste vorhandene gestielte Junge ist 15 mm lang. Die Pinnulen haben hier herauszuwachsen begonnen. Girren sind aber noch nicht vorhanden (Fig. Ii). Das Basalglied des Stieles hat die Gestalt einer Scheibe angenommen, die den Girrus umgreift.

Es ist leicht einzusehen, dass in diesem Falle die Brutpflege der Brut grosse Vorteile gewährt. Die auf den aufwärts und über das Dach des Kelches gebogenen Girren sitzenden Jungen sind von den Armen des Muttertieres geschützt, die beson- ders während der Ruhe um sie einen Zaun bilden. Dazu kommt ein anderer Vorteil, der bei sonstigen brutpflegenden Echinodermen nicht in Betracht kommen kann. Die Antedon-Jungen, die sonst in ihrer Jugend auf einen und denselben Platz angewiesen sind, können nämlich bei A. Itirsuta, obgleich nur indirekt durch die Bewegungen des Muttertieres, ihren Aufenthaltsort verändern, was immer von Nutzen sein muss.

Da zudem die Larven ihr freies Schwärmstadium aufgegeben haben, laufen sie nicht Gefahr, in zu tiefes Wasser oder in andere Teile des Meeres hinausgeführt zu werden, wo sie auf einen ungeeigneten Boden niedersinken und zu Grunde gehen könnten. Wenn die Jungen nachher das Muttertier verlassen, haben sie eine Boden- beschaffenheit zur Verfügung, die für ihr Gedeihen immer günstig ist.

Erklärung der Abbildungen.

Tafeln 1—2.

Fig. I. Antedon /lirsuta Carpenter mit Jungen auf den Girren. Etwas verkleinert.

» 2. Querschnitt durch eine geschlechtsreife weibliche Pinnula, um den Brutraum mit Embryonen zu zeigen. Drei Embryonen sind durchschnitten. Br Brutraum, S Samenraum. ^^ji.

s J. Ein geschlechtsreifer, weiblicher Cirrus in dorsaler x'Vnsicht. ^/i.

» 4. Das 4. Kalkglied von einem geschlechtreifen weiblichen Cirrus, um das unsym- metrische Aussehen zu zeigen, '■^ji.

» j. Querschnitt durch eine weibliche Pinnula mit dem Ovarium sehr wenig entwickelt. Kleine Einstülpungen an der Wandung. ^°/i.

» 6. Querschnitt durch ein reifes Ovarium. Die Wandung des Genitalsinus ist einge- zeichnet. Samenraum S mit zahlreichen Spermatozoen. Die Wandung desselben liegt der Scheidewand zwischen Brutraum Br und Genitalsinus an. Die Öffnung zwischen dem Samenraum und einem Ei getroffen. Im Keimepithel sind 3 Keim- zellen ersichtlich. ^°°/i.

» 7. Querschnitt durch eine weibliche Pinnula, die die Brutraumeinstülpung weiter ent- wickelt zeigt. 7°/i-

» <?. Querschnitt durch die Genitalröhre (Samenraum) des wenig entwickelten proximalen Teiles eines reifen Ovariums. Nur ein Teil derselben eingezeichnet, um junge Ei- zellen des Keimepithels zu zeigen. Zahlreiche Spermatozoen in der Genitalröhre.

5°°/i.

» 9. Querschnitt durch ein beinahe reifes Ovarium. Ein Ei ist gerade dabei, den Zu- sammenhang mit dem Keimepithel aufzugeben und in das Bindegewebe hinauszu- rücken. Mehrere der übrigen Keimepithelzellen weisen Teilungsstadien auf. ''Sy;.

» 10. Querschnitt durch eine Pinnula, um die Verwachsung einer Larve mit der medialen Wandung des Brutraumes zu zeigen. Die Larve der Länge nach geschnitten. '°/i.

» //. Der Kelch mit einem Teil des Stieles des grös.sten Jungen. Vi-

Stockholm 1905. Kiingl. Boktryckeriet.

Sctiwedische Siidpola.r-Exp. 1901-1903 VI

Taf 1.

J

*-'<S^^^^a^^^

^.. : V //-SX

iî' •■? -'^:*v- ■'■ ■■■■'•'

^''''*^.. ;:»:>^«Ä.«^

"^^P^^^

0 Tenow phot.'' /. A TuLilir. g""..

T.iusl- A i^ [.aci-sliiiiiÄ Westphai Stockl» -

Sctevedische Südpolar-Exp, 1901^1903. VI.

Taf 2.

5'4i -.H' / "■■■

11

Gm-

/

A Thulin g"e2

Ljustr. A J? LagleliLfs § WeslT>hal StocOîli -

Dieses Werk, welches auf Kosten des schwedischen Staates veröffentlicht wird, erscheint in 7 Bänden, ist mit zahlreichen Karten. Textillustrationen sowie mit circa 500 Tafeln und etwa 3000 Seiten Text versehen.

Der Inhalt der einzelnen Bände ist folgender:

Band I. Reiseschilderung. Geographie. Kartographie. Hydrographie. Erd- magnetismus. Hygiene etc.

Band II. Meteorologie.

Band III. Geologie und Paläontologie.

Band IV. Botanik und Bakteriologie.

Band V VU. Zoologie.

Eine Reihe Aufsätze aus den Bänden I, IV und V sind bereits gedruckt und teilweise noch unter Druck.

Von Spezialisten, welche ausser den Mitgliedern der Expedition sich an der Ausarbeitung des wissenschaftlichen Materiales beteiligen, seien besonders erwähnt:

Professor A. G. Nathorst, M. FoSLlE, G. W. F. CarlsOX, T. Vestergren, F. Stephani, Dr. J. Cardot, Dr. H. Christ (Botanik). Prof. P. T. Cleve, Dr. W. LUNDBECK, Dr. E, J.VDERHOLM, Dr. O. C.\RLGREX, Prof. D. BERGENDAL, Dr. Tu.

Odhner, Dr. L. Jäger-SKIöld, Dr. W. Michaelsen, Prof. A. Wirén, Dr. I. Ar- wiDSSON, Dr. L. Johansson, Dr. R. Waltereck, Dr. T. Mortensen, Dr. Hj. ÖSTERGREN, Dr. S. Ekman, Dr. E. Wahlgren, Dr. G. Enderlien, Dr. I. Trä-

GÂRDH, A. TULLGREN, Dr. R. H.ART.MEYER, Prof. E. LÖNNBERG, Dr. A. APPELÖF, Dr. A. Hennig (Zoologie), u. A.

yVlle Monographien werden entweder in englischer, deutscher oder französi- scher Sprache gedruckt.

Das Werk wird in Abteilungen, welche je eine Monographie enthalten, publi- ziert und erscheint komplett im Jahre 190g.

Der Subskriptionspreis beträgt £ 15.

Der Einzelpreis dieses Heftes Mk. 2.

Der Einzelpreis der übrigen Lieferungen wird auf jedem Heft besonders an- gegeben.

Das höhere Tierleben im antarktischen

Gebiete.

Von K. A. ANDERSSON.

Hierzu 10 Tafeln und 2 Karten.

Noch bis vor wenigen Jahren war unsere Kenntnis von dem höheren Tierleben im antarktischen Gebiete so gut wie null. Es war dies auch ganz natürlich, da es bis dahin nicht zum Gegenstand genauer und eingehender Untersuchung gemacht worden war. Unsere ganze Kenntnis davon beschränkte sich auf vereinzelte Notizen, die von früheren geographischen Entdeckungsreisenden und Robbenfängern her- stammten. Niemand hatte Gelegenheit gehabt, während einer längeren Zeit das Tierleben auf dem Lande zu beobachten. Man wusste hiervon nur, dass die Pinguine in ungeheuren Kolonien leben und dass eine Reihe anderer Vögel und Robben sich am Strande zeigten; wie aber das Leben im übrigen das Jahr über sich gestaltete, davon wusste man nichts.

Seitdem aber zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine neue Periode eifriger Forschungsarbeit in der Antarktis eingesetzt, ist unsere Kenntnis von dem Leben in diesem schwerzugänglichen Gebiet wesentlich vermehrt worden. 1899 kehrte die belgische antarktische Expedition zurück, und ihr Biologe Dr. Emil RacoVITZA ver- öffentlichte im folgenden Jahre eine Abhandlung,' deren lebendige Schilderung uns einen guten Einblick in das Leben der antarktischen Bewohner gewährt. 1900 kehrte die Southern-Cross-Expedition heim und erweiterte unser Wissen davon noch mehr." Aus einer Abhandlung von Professor Vanhöffen,^ worin er über seine während

' E. R.\coviTZ.\: La vie des animaux et des plantes dans l'Antarctique. Bull. Soc. Roy. Belge Géogr. 1900, p. 177 230.

° Report on the collections of natural history, made in the antarctic regions during the voyage of the Southern Cross. London 1902.

3 E. Vanhöffen: Die Tierwelt des Südpolargebiets. Zeitschr. d. Ges. für Erdk. zu Berlin. 1904, p. 362—370.

Schwedische Südpolar-Expedition igor iços- I

2 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Südpolar-Exp.

der 1903 abgeschlossenen deutschen antarktischen Expedition angestellten Beobach- tungen berichtet, sowie aus Mitteilungen der in diesem Jahre zurückgekehrten eng- lischen und schottischen Expedition ersieht man, dass ein grosses Material zur Er- weiterung unserer Kenntnis von dem Tierleben in diesen südlichen Breitengraden zusammengebracht worden ist.

Da unsere Expedition durch besonders schwierige Eisverhältnisse gezwungen wurde, zwei Winter im antarktischen Gebiete zuzubringen, hatten wir Gelegenheit, das Tierleben dort während einer langen zusammenhängenden Zeit zu beobachten, und diese Beobachtungen werden noch wertvoller dadurch, dass sie während des letzten Winters an drei verschiedenen Punkten angestellt wurden, nämlich bei Snow Hill, auf der Pauletinsel und an der Hoffnungsbucht (siehe die Karten). Von diesen sind die beiden ersten Punkte einander ziemlich gleich in klimatologischer Hinsicht, der letzte aber unterscheidet sich von den beiden übrigen. Die Hoffnungsbucht ge- hört in klimatischer Hinsicht zu der Westküste des Grahamlandes, und die Natur- verhältnisse sind dort beträchtlich günstiger als an der Ostküste. Dort ist das Meer während des Sommers mehr eisfrei, und auch während des Winters kann das Eis dort von heftigen Stürmen aufgebrochen werden, obwohl das Klima auch hier als rein antarktisch angesehen werden muss. An der Ostküste desselben Landes ist das Meer während des ganzen Winters mit einer dicken Eisdecke belegt. Im Sommer 1901 1902 war es mit grobem Packeis bedeckt, das wir nur mit Mühe bis zum Polarkreis forcieren konnten. Im nächsten Sommer war das Packeis noch dichter, sodass wir bei dem Versuch, die Winterstation bei Snow Hill zu erreichen, unser Schiff einbüssten.

Auf der Seymourinsel nicht weit von Snow Hill nisteten eine grosse Pinguinen- kolonie und einige andere Vogelarten in einem Klima, dessen mittlere Temperatur für den Sommer nach Observationen des Meteorologen der Expedition, Dr. BoDMAX,' die niedrigste ist, die man bisher kennt, wenn man die von der englischen antark- tischen Expedition beobachtete ausnimmt. Die mittlere Temperatur für November und Dezember, während welcher Monate die Vögel brüten und die Jungen in ihrem zartesten Alter stehen, war im Sommer 1902 8,1 bezw. 2' C. Für die beiden folgenden Monate, nach welcher Zeit die Jungen die Daunentracht ablegen, war die mittlere Temperatur im selben Sommer 0,9 und 3,5° C. Der Teil der Brutzeit, während dessen wir Gelegenheit hatten, Temperaturobservationen auf der Paulet- insel anzustellen, nämlich die Zeit vom 4. 10. November im Sommer 1903, zeigte eine mittlere Tagestemperatur, die zwischen 0,1 und -t- 1,9° schwankte. Die mitt- lere Temperatur für den ganzen Tag war sicher beträchtlich niedriger, aber wir konnten dort keine Observationen während der Nacht anstellen.

' GÖSTA Bodman: Meteorologische Ergebnisse der schwedischen Südpol.irexpediüon. Petermaniis geogr. Mitteil, 1904, H. V, p. 2,

Bd. V: 2) DAS HÖHERE TIERLEBEN IM ANTARKTISCHEN GEBIETE. 3

Im Meere, dem sowohl die Robben wie die meisten Vögel ausschliesslich ihre Nahrung entnehmen, hat das Oberflächenwasser eine Temperatur von ungefäiir 0,5 bis 1,5' C. Während des Winters sinkt diese Temperatur bis auf 2' unter der dicken Eisdecke herab. Ungeachtet dieser niedrigen Temperatur ist das Meer reich an Fischen und wirbellosen Tieren, vor allem Krebstieren, die Robben und Vögeln zur Nahrung dienen. Es sind besonders Arten der Fischgattungen Noto- thenia und Chœnichthys, die die hauptsächliche Nahrung der Robben bilden, und Arten der Gattungen Euphausia unter den Schizopoden, von denen die Pinguine sich ernähren. Ausserdem spielen die Tintenfische eine nicht unbedeutende Rolle als Robbennahrung.

Robben.

Von den aus dem antarktischen Gebiet bekannten 4 Robbenarten hatten wir Gelegenheit 3 zu beobachten, nämlich die Weddcllrobbc {Leptoiiychotcs zceddclli), den Krabbenfresser {Lobodon carcinophaga) und den Seeleopard {Ogmorhinus lep- tofiyx). Von der Rossrobbe {Omiiiatophoca rossi) wurde während der ganzen Ex- pedition kein Exemplar wahrgenommen, und das obwohl die Winterstation bei Snow Hill 21 Monate in einem Teil der Antarktis zubrachte, wo sie früher beobachtet w'orden, und obwohl wir auf der »Antarctic» während zweier Sommer das Meer dort- herum durchkreuzten. Diese Robbenart scheint eine ausgedehnte Verbreitung in der Antarktis zu haben, kommt aber überall spärlich vor. Nur eine geringe Anzahl von Exemplaren ist bisher bekannt. Das erste Exemplar brachte J. Ross 1843 heim. Später wurde sie von W. S. Bruce' bei der Ludwig Philipphalbinsel und der Joinville- insel beobachtet und während der belgischen Expedition nahm Racovitza 3 Exem- plare wahr. Von Viktorialand brachte die Southern-Cross-Expedition 4 Exemplare mit, und jetzt endlich berichtet BRUCE, ^ dass ein Ex. auf seiner Expedition zwischen den Südorkney- und Sandwichinseln geschossen, und VanhöFFEN (op. cit. p. 365), dass ein Ex. auf der deutschen Südpolarexpedition erbeutet worden ist.

Leptonychotes weddelli.

Abbild. I 2.

Von den übrigen Robbenarten war die Weddellrobbe diejenige, die wir am häufigsten beobachteten. Sie ist nächst dem Seeleoparden die grösste der antark- tischen Robben und erreicht eine Länge von gegen 3 m und einen Umfang von ungefähr 1,75 m. In der Farbe variiert sie ganz beträchtUch. Auf der Unterseite ist

' W. S. Bruce: A few notes on seals and whales seen during the voyage to the .\ntarctic. 1892 93. Rep. Brit. Ass. Advancement Sei., 63 (1894).

' \V. S. Bruce: First antarctic voyage of the Scotia. Scottish Geogr. M'g. Vol. XX No. 3. 1904.

4 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Stidpolar-Exp.

sie grau mit weissen Flecken, die der Form nach un regelmässig, stets aber in der Längsrichtung des Tieres gestreckt sind. Meistens finden sich diese Flecke nur unter dem Bauch und der Brust, bisweilen aber rücken sie auch vor nach der Unterseite des Halses. Die Körperseiten zeigen nach unten zu dieselbe graue Färbung und sind nach hinten zu mit ebensolchen Flecken versehen wie die Unterseite. Weiter aufwärts an den Seiten und auf dem Rücken wird die graue Färbung dunkler und kann auf dem Rücken oft ganz schwarz werden. Bisweilen spielt sie dort auch ins braune.

Die W'eddellrobbe ist im Packeis zu Hause, und sie hält sich am liebsten nahe an Land. \\ ährend der Sommermonate, wo es Öffnungen im Eise giebt, trifft man sie weit drinnen im Packeis. Sie lebt am liebsten in seichtem Wasser, wo sie sich leicht Nahrung verschaffen kann. Es besteht diese hauptsächlich aus zur Fa- milie Nototheniidae gehörigen Fischen, die in grossen Massen in der Algenregion in seichterem Wasser vorkommen. Die Fische leben nämlich von der unter der Algenvegetation reichlich auftretenden Krebs-, besonders Amphipodenfauna, und so kommt es, dass diese Region ein Lieblingsaufenthalt der Weddellrobbe ist. Ein paar- mal habe ich zur Winterzeit ihren Magen mit Tintenfischen gefüllt gefunden, was darauf hindeutet, dass sie auch in etwas grössere Wassertiefen hinabgehen kann. Dazu kann sie auch während des Winters genötigt werden, wenn das Eis sie zwingt, weiter von Land wegzugehen.

Während des Sommers sieht man sie oft in grösseren Rudeln auf den Eisschollen tagelang liegen, und wo die Beschaffenheit des Ufers es erlaubt, geht sie auch gern aufs Land hinauf. Kommt der Abend, so begiebt sie sich ins Wasser. Sie wendet nämlich die hellen Sommernächte an, um sich Nahrung zu verschaffen. Am Morgen kommt sie wieder hinauf, um in Ruhe ihre Mahlzeit zu verdauen. Dann liegt sie und schläft unbekümmert, was auch um sie herum geschehe. Unbekannt mit dem Blutdurst des Menschen, zeigt sie nicht das mindeste Zeichen von Angst, und hierin sind die antarktischen Robben alle einander gleich. Stört man sie im Schlafe durch einen leichten Schlag, so erhebt sie den Kopf und zeigt einen Augenblick Ver- wunderung, um im nächsten wieder in Morpheus' Arme zu sinken.

Wenn der Winter kommt und das Packeis zusammenzufrieren beginnt, geht die Weddellrobbe näher an den Eisrand heran, um leichteren Zugang zu offenem Wasser zu haben, aber auch während des Winters trifft man sie bisweilen weit drinnen im Eise an Spalten in demselben. Als wir nach dem Untergange der »Antarctio am letzten Februar 1903 auf der Pauletinsel an Land kamen, waren bereits die meisten Weddellrobben von dort verschwunden, während sie an den Ufern dieser Insel in Massen vorkamen, als wir dort am 15. Januar 1902 landeten. Als das Meer um die Pauletinsel Anfang März vollständig zufror, waren die Robben so gut wie vollständig weg. Nur selten gelang es uns während des Winters einen Seehund

Bd. V: 2) DAS HÖHERE TIERLEBEN IM ANTARKTISCHEN GEBIETE. 5

ZU fangen. Trotzdem wir alles taten, um Robben zur Nahrung und Feuerung uns zu verschaffen, erhielten wir während des März nur 10, April 5, Mai 2, Juni i, Juli 6 und August 6 Ex. der Weddellrobbe. Im April wurden alle die 5 Ex. am 19. er- beutet. Danach erhielten wir erst am 12. Mai i Ex. Die ganze Zeit zwischen dem 21. Mai und 29. Juni war keine Weddellrobbe zu sehen. Es war gewöhnlich nach heftigen westlichen oder nordwestlichen Stürmen, die im Verein mit starkem Strom die Spalten im Eise hervorriefen, dass man hoffen konnte, ein Seehund möchte sich der Pauletinsel nähern. Als gegen Ende September das Eis mehr aufzubrechen begann, fanden sich die Weddellrobben immer zahlreicher ein.

Nach von Dr. J. G. Andersson mir freundlichst übergebenen Aufzeichnungen über das Tierleben an der Hoffnungsbucht zeigte sich die Weddellrobbe auch dort den Winter über sehr spärlich. Von dieser Robbe wurden dort 2 Exemplare im März, 3 im April, keines im Mai, i im Juni, 2 im Juli und 3 im August wahr- genommen. Vergleicht man diese Observationen mit unseren von der Pauletinsel, so möchte es scheinen, als ob die Robbe hier während des Winters zahlreicher vor- käme, was jedoch in Wirklichkeit kaum der Fall sein dürfte. Dass bei der Paulet- insel den Winter über mehr Weddcllrobben als bei der Hoffnungsbucht gesehen wurden, dürfte nämlich darauf beruhen, dass das Beobachtungsgebiet an dieser letz- teren Stelle sehr klein war, während wir auf der Pauletinsel weithin längs dem Eise wanderten, um nach Robben zu suchen. Die Hoffnungsbucht erbietet ausserdem viel günstigere Eisverhältnisse. Das Meer ist hier nämlich während des ganzen Win- ters mit keiner zusammenhängenden Eisdecke belegt.

Auch bei Snow Hill wurden Weddellrobben ausnahmsweise während des Winters beobachtet. Nach Aufzeichnungen von dort, die mir von Dr. E. EkelöF freund- lichst zur Verfügung gestellt worden, observierte er im Admiralitätssunde \\ährend des Winters 1903 einigemale Atemlöcher im Eise. Am 8. Mai wurde eine Weddell- robbe gefangen, und am 31. Mai, i. Juli und 3. August wurden Weddellrobben in den Atemlöchern gesehen. Am 4. Juli 1902 wurde in demselben Sunde ein Atem- loch wahrgenommen und Spuren von einer Robbe, wahrscheinlich der Weddellrobbe, auf dem Eise daneben sichtbar.

Wenn Weddellrobben durch Öffnungen, die bei heftigen Stürmen im Eise sich gebildet, nach dem Lande hingelockt worden sind, und diese Öffnungen oder Spalten dann zufrieren, bleiben sie oft zurück und machen runde Öffnungen im Eise, die sie dann am Zufrieren verhindern. Dass sie häufig ans Loch kommen, um zu atmen, genügt, um das Zufrieren desselben zu verhindern.

Die Löcher erhalten hierdurch ihre charakteristische Form. Sie erweitern sich nämlich gewöhnlich nach unten zu, während sie oben ziemlich schmal sind. Wie oben erwähnt, wurden solche Löcher auch im Eise im Admiralitätssund beobachtet.

6 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Südpolar-Exp.

Auf der Fahrt über den Kronprinz-Gustavs-Kanal im Oktober 1903 nahm Dr. J. G. Andersson weit von der Teufelsinsel entfernt auf dem flachen Eise und fern von allen Eisbergen ein grosses Atemloch wahr, und auf dem Eise daneben lagen mehrere Weddellrobben. Das Loch hatte eigentümlicherweise vierkantige Form mit der grossen Seitenlänge von 1,7 m. Es erweiterte sich nicht nennenswert nach unten zu. Dr. Andersson beobachtete gleichzeitig zwei Robben in der Öffnung. Da das Eis nach seiner Observation im Januar desselben Jahres dort aufgebrochen war, und da es, nach den Verhältnissen an der Pauletinsel zu urteilen, sicherlich Mitte März ungefähr zufror und dann wegen der geschützten Lage ebenso sicher den Winter über nicht mehr aufbrach, ist es wohl wahrscheinlich, dass eine oder einige Weddellrobben den ganzen Winter über an demselben Loch sich aufhielten. Ich möchte jedoch auf die Möglichkeit hinweisen, dass gelegentlich infolge starken Stromes im Kanal eine Spalte im Eise sich gebildet haben könnte, was auch ein- treffen kann, wo das Eis ziemlich dick ist, und dass eine Robbe dorthin gelockt worden und beim Zufrieren und Überschneien der Spalte ein Atemloch in ihr für sich offen gehalten hätte. Nach meiner Erfahrung von der Pauletinsel her ist eine Spalte nach derartigem Zufrieren oft sehr schwer, wenn nicht unmöglich, zu ent- decken.

Befand sich ein Seehund in der Nähe, so wandte er als Atemloch gerne die Öffnungen an, die wir zu Fischzwecken hergestellt hatten. Er muss ein grosses Vermögen besitzen, auf weite Entfernungen hin unter dem Eise zu sehen. Wir konnten ihn in dem einen Fischloch nach dem andern atmen sehen, obwohl diese in recht bedeutendem Abstand von einander lagen und obwohl die Öffnungen sehr klein waren, sodass bloss eine ganz unbedeutende Lichtmenge durch sie herunterdringen konnte. Es ist im Übrigen schwer zu verstehen, wie er in der Finsternis, die in dem auf weite Strecken hin von einer mehr als meterdicken Eis- und Schneeschicht bedeckten Meere herrschen muss, seine Nahrung erblicken und fangen kann.

Der letzterwähnte Umstand bewirkt, dass die Weddellrobbe während des Winters ihre täglichen Lebensgewohnheiten ändert. Wenn das Meer mit Eis bedeckt und die Nächte lang und dunkel sind, geht sie während der Nacht nicht durch das Loch hinab um zu fischen, sicherlich deshalb, weil sie nicht genug dazu sehen kann, und weil sie möglicherweise sich unter dem Eise verirren und so ihrem Untergang -entgegengehen könnte. Daher benutzt sie während des Winters den Tag, wo es einigermassen hell ist, zur Anschaffung der Nahrung. Sehr selten fanden wir sie daher tagsüber während der dunklen Jahreszeit auf dem Eise. Wussten wir aber, dass ein Seehund irgendwo in der Nähe sein Atemloch hatte, so konnten wir ihn unfehlbar zur Nachtzeit auf dem Eise finden. War es spät am Abend, dass auf diese Weise ein Seehund gefangen wurde, so war sein Magen stets mit Nahrung gefüllt; geschah es dagegen früh am Morgen, war der Magen leer.

Bd. V: 2) DAS HÖHERE TIERLEBEN IM ANTARKTISCHEN GEBIETE. 7

Um die Lufttemperatur scheint er sich nicht in höherem Grade zu kümmern. Wir fanden ihn auf dem Eise nächthcherweise zu wiederholten Malen bei 18 bis 20° C, während er am Tage, wo Sonnenschein und bedeutend höhere Temperatur gewesen, nicht hinaufkam.

Wenn wir auf dem Eis standen und fischten, hörten wir oft die Weddellrobbe im Wasser einen sehr eigentümlichen Laut von sich geben. Er bestand aus einem metalirein klingenden Klucksen, das deutlich durch das Wasser und Eis zu hören war. Dr. EkelöF berichtet hierüber folgende Beobachtung von Snow Hill: während er dabei war, eine eben getötete weibliche W'eddellrobbe zu untersuchen, »zeigte sich im Atemloch eine andere Robbe, die eine sehr eigentümliche Stimme hatte. Sie bestand aus einem metallklaren, glockenreinen, jodelnden, tremulierenden Laut, der mit einem hohen Ton begann und von da gerade und gleichmässig herablief zu immer leiseren und tieferen Tönen, wie mir schien, ungefähr 2 Oktaven umfassend. Diese Laute wurden unter dem Wasser hervorgebracht und waren deutlich durch das Eis hindurch zu hören. Vermutlich war es das Männchen des Seehundweibchens.» Es ist wohl auch wahrscheinlich, dass diese Laute Locktöne oder Erkennungstöne sind. Mit demselben Laut antwortet auch die Mutter auf den Schrei des Jungen. Wenn die Weddellrobbe auf dem Eise liegt, hört man sie oft einen grob brüllenden Laut ausstossen.

Als wir während unserer Überwinterung auf der Pauletinsel Blut von der Weddell- robbe als Nahrung verwendeten, überraschte uns die grosse Menge Blut, die eine Robbe hatte. Ich stellte daher durch Nachmessen der Gefässe, in denen das Blut gesammelt wurde, möglichst genaue Berechnungen an über die Blutmenge bei 3 Weddellrobben von verschiedener Grösse. Bei einem kleinen, wahrscheinlich ein Jahr alten Exemplar betrug sie 23, bei einem ziemlich grossen 40 und bei einem mittelgrossen Ex. 47 Liter. Da wir keine Gelegenheit hatten, eine Weddellrobbe zu wiegen, habe ich aus den Maassen einiger Individuen ihr Gewicht berechnet, dabei voraussetzend, dass ihr spezifisches Gewicht nahezu gleich dem des Wassers ist. Es verhält sich nämlich so, dass eine geschossene Robbe eben im Meerwasser untersinkt. Eine solche Be- rechnung muss sehr approximativ werden, aber eine mittelgrosse Robbe kann nicht mehr als 350 kg wiegen, und bei diesem Gewicht würde das Blut 12 bis 13 °i des gesammten Körpergewichts ausmachen, ein Prozentsatz, der anderthalb mal so gross ist als der grösste, den wir bei anderen Säugetieren kennen.

Am 20. September bekamen wir die ersten neugeworfenen Jungen dieser Robbe zu sehen. Es waren 3 Stück, und während der folgenden Tage nahm ihre Anzahl schnell zu. Wir fanden die neugeborenen Jungen gleich südlich von der Pauletinsel, wo die Robbenweibchen sich an einigen grossen Eisbergen gesammelt hatten, die auf Grund standen und bei denen während des wechselnden Wasserstandes sich den

8 K. A. ANDERSSON, (Schwed. Südpolar-Exp.

Robben Gelegenheiten boten, auf das Eis hinauf und wieder hinunterzugehen. Ich sah kein Weibchen mit mehr als einem Jungen.

Sie waren weit ins feste Eis hineingewandert, um zu gebären. Am Brutplatz